Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences
Fachbereich Maschinenbau & Verfahrenstechnik
Faculty of Mechanical and Process Engineering

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Maschinenbau und Verfahrenstechnik / Exkursion, Umwelt- und Verfahrenstechnik, Recycling, Nachhaltigkeit
20.12.2022

Ex­kursion zum chemischen Re­cycler Carboliq

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​​​​​​Bei winterlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt fuhr die illustre Reisegruppe am 9.12.2022 ins nebelige Münsterland. Die Gruppe bestand zum einen aus einer Master- und drei Bachelorstudent*innen aus dem Studiengang Umwelt- und Verfahrenstechnik, zum anderen aus Frau Professorin Maren Heinemann, die die Exkursion leitete. Das Ziel der Reise war die Firma Carboliq. Das Tochterunternehmen des Recycling-Anlagenbauer-Spezialisten Recenso hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kunststoff-Kreislauf durch ein chemisches Reycling zu schließen. Grundsätzlich kann dies durch Vergasung (hohe Temperaturen/Drücke), Solvolyse (Einsatz von Lösungsmitteln) oder der Pyrolyse unterschieden werden. Letzteres wird in der Anlage in Ennigerloh eingesetzt. Dabei wird nicht mechanisch recycelbarer Kunststoff unterhalb von 400°C thermisch zersetzt und es entsteht eine rohölähnliche, zähe Flüssigkeit. Dieses kann bei der Produktion von neuem Kunststoff das verwendete Rohöl teilweise ersetzen. Mit einem Wirkungsgrad von bis zu 84% ist dieses Verfahren ökonomisch bei Weitem sinnvoller als eine Verwertung durch Verbrennung. Zudem entstehen bei der Pyrolyse deutlich weniger Luftschadstoffe.
Am Zielort angekommen wurden wir von Herrn Dr. Aschauer empfangen, der uns durch die gesamte Anlage führte. Am Standort sind mehrere Unternehmen angesiedelt, die im Entsorgungs- und Recyclingbusiness tätig sind und sich gegenseitig unterstützen. Es wurden kurz das Labor, eine Deponie, die Kompostabteilung und die Kunststofflager inspiziert, bevor es zum eigentlichen Höhepunkt des Ausfluges kam, der Pyrolyseanlage. Diese ist in zwei große Hallen verteilt und besteht aus mehreren verfahrenstechnischen Teilanlagen. So wird der in kleine Stücke zerkleinerte Kunststoff zuerst in den sogenannten ‘Bunker‘ geladen, von dem aus ein Fließband den Wertstoff zu einem Rüttelsieb transportiert. Dort wird mittels Vibration Staub entfernt. Danach wird mit Magneten eisenhaltiges Material entfernt und ein Beschleunigungsband trennt unter der Nutzung der unterschiedlichen Massenträgheit Aluminiumreste ab. Auf dem Weg zum eigentlichen Reaktor wird ein zeolithbasierter Katalysator zugefügt, welcher die Schmelztemperatur des Kunststoffes minimiert. Durch drei Extruder wird die Menge vorgewärmt und dem Pyrolysereaktor zugefügt. Dort wird der Feststoff verflüssigt und entstehende Gase werden wieder zu Öl kondensiert. Das Produkt wird in einen Tank außerhalb der Halle gepumpt. Es werden Proben zur Analyse entnommen und das Produkt wird verladen. Das Öl kann von der Petrochemie-Industrie ähnlich wie Rohöl verarbeitet werden.
Zum Schluss hielt Herr Dr. Aschauer im Schulungsgebäude eine kurze Präsentation über das Unternehmen. Diese plant eine kommerzielle Anlage in 10-facher Größenordnung. Dabei gibt es allerdings noch Hürden zu überwinden, wie zum Beispiel die Entfernung von Heteroatomen im Endprodukt. Des Weiteren sind die Kosten für das Pyrolyseöl nicht mit denen von Rohöl konkurrenzfähig. Hierbei bedarf es Hilfe der Politik, denn der CO2 – Fußabdruck von Kunststoff aus Pyrolyseöl ist um über 80% geringer als bei der Herstellung aus Rohöl (beim Einsatz regenerativer Energie)! Außerdem wird damit eine Lösung zur Beseitigung der Umweltverschmutzung durch Kunststoff geboten. Wenn Müll in Zukunft als Wertgegenstand in einem Kreislaufprozess gesehen wird, könnte dieser von den Menschen in Gesellschaft, Politik und Industrie als kostbare Ressource mit mehr Nachsicht behandelt werden.
Alles in allem war der Ausflug ins schöne Münsterland eine willkommene Abwechslung vom theoretischen Studienalltag und eine interessante Einsicht in ein kleines Chemieunternehmen mit einer spannenden und sich hoffentlich verbreitenden Technologie. Ich kann mich bei der Firma Carboliq für diese ermöglichte Besichtigung im Namen aller Teilnehmenden unserer Hochschule nur bedanken und hoffe, dass es nicht der letzte Kontakt war.
Stefan Dorn, Studierender im Studiengang Umwelt- und Verfahrenstechnik​


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Exkursion Carboliq
privat
Die Studierenden vor der Pyrolyseanlage


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